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Wochenmeditation
Diesen Text finden Sie auf der Homepage der Erzdiözese Freiburg : www.erzbistum-freiburg.de. Sie können sich den Text im PDF Format über das Erzbistum Freiburg auch wöchentlich zuschicken lassen.



Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage
lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden
Tieren und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis
geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das
Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist
nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.

Evangelium zum 1. Fastensonntag
Die Versuchung Jesu / Erstes Auftreten in Galiläa (Mk 1,12-15)



"Tentations du Christ – tentations de l'église: Die Versuchungen Christi
sind auch die Versuchungen der Kirche". Dieser Satz des damaligen
Dogmatikprofessors während meines Auslandsstudiums in Frankreich hat sich
mir tief eingeprägt. Der Markusevangelist führt in seiner bekannt knapp
skizzierenden Redeweise nicht aus, worin die Versuchungen Jesu in der Wüste
bestanden. Von Matthäus und Lukas wissen wir es: Steine zu Brot werden
lassen, sich auf Gottes Heilzusage von der Zinne des Tempels stürzen, Herr
der Welt werden wollen, indem man dem Teufel seine Seele verkauft. Das
fortwährende "faustische Drama" des Menschen, bereits in der Geschichte des
Sündenfalls vorgezeichnet, erlebt seine immer neuen Aktualisierungen im
Herzen der Menschen und auch im Schoß der Kirche.

Der Gefahr, Gottes Liebe aus dem Blick zu verlieren und sich selbst als
höchste Autorität zu definieren, aus Gründen der Macht und des Ansehens
keinen Widerspruch duldend, könnten wir in der eben begonnenen Fastenzeit
ein besonderes Augenmerk schenken. "Vor dem Herrn, Deinem Gott, sollst Du
Dich niederwerfen und ihm allein dienen." (Mt. 4,10). Wir könnten uns
fragen, welche Tendenzen der Überheblichkeit und Arroganz in unserem Herzen
spürbar sind, wo wir maßlos sind und die geschwisterliche Demut aus dem
Blick verloren haben: ein lebenslanger Prozess der Reifung. "Jetzt ist die
Zeit der Gnade, jetzt sind die Tage des Heils!" Wagen wir den Aufbruch-  in
die Bekehrung! Er ist nicht von Schlagzeilen begleitet, aber die
Gemeinschaft der Kirche lebt von Deinem und meinem Bemühen, wie Jesus den
Versuchungen die Stirn zu bieten und das Herz entgegenzustellen.

Der Geist, so heißt es in der heutigen Perikope gleich zu Beginn, trieb
Jesus in die Wüste. Nicht von allein ist die Wüste ein Ort der Läuterung
und der Gnade. Aber sie kann es sein oder werden, wenn wir den Weg der uns
vom Leben zugemuteten Entsagungen tapfer gehen, ohne falsche Wehleidigkeit.
Wenn wir unsere Schmerzen und Leiden mit der Passion Jesu in Verbindung
bringen und uns an seiner Liebe "bis zur Vollendung" ein Vorbild nehmen.
Das ist freilich leichter gesagt als getan, aber nicht wenige Menschen
(vielleicht auch wir selbst!) bezeugen, dass sie in ihrem Leid und Elend
eine ungeahnte Kraft entdecken durften, als sie sich "relativiert" hatten,
ihr eigenes Schicksal mit dem Weg Jesu in Beziehung brachten und die Dinge
aus der Perspektive seines Lebenszeugnisses zu betrachten begannen. Allein
schon die Erfahrung, mit den eigenen Herausforderungen nicht allein zu
sein, enthält Trost und mobilisiert neue Kraft. So ist es, wenn der Geist
einen Menschen in die Wüste treibt: es ist der Geist Jesu. Nicht Tod,
sondern Leben in Fülle ist der Plan Gottes mit jeder und jedem von uns.

Während Johannes der Täufer im Gefängnis seinem Todesurteil entgegen
wartet, beginnt der, der mit Feuer und Geist tauft, seine öffentliche
Verkündigung. "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um
und glaubt an das Evangelium." (Mk. 1,15) Die Botschaft Jesu beginnt mit
der bedingungslosen Ansage des Heils. Es gibt keinen Augenblick und keinen
Ort in unserem Leben, der – wenn auch bisweilen verborgen – nicht von der
Nähe des Reiches Gottes erfüllt wäre. Die bekannte Geschichte von den
Spuren im Sand erinnert uns daran, dass in Wirklichkeit wir es sind, die
getragen werden, wo unser eigenes Empfinden uns suggeriert, von Gott und
der Welt verlassen zu sein. Auch das könnte also eine geistliche Übung der
Fastenzeit sein: die Nähe des Reiches Gottes im eigenen Leben neu
entdecken, die Segnungen "wahr nehmen" und sie nach Art derer, die Jesus
nachfolgen, mit den Geschwistern teilen. Umkehr heißt Hinkehr, Gott bewusst
unter die Augen treten, ohne Furcht und Scham, sondern voller Hoffnung und
im Vertrauen auf sein Erbarmen. Wer so lebt oder zu leben versucht, der
wird zum Geschenk für andere, in dessen Nähe wird Zeit zu erfüllter Zeit.

All das ist nicht Leistung des Menschen, nicht unser Verdienst. Die
Aufforderung "Glaubt an das Evangelium" bedeutet – aus dem griechischen
Urtext wörtlich übersetzt – "Glaubt im Evangelium, glaubt in der Kraft des
Evangeliums. Gottes Heilsversprechen und dessen Einlösung in der
hingebenden Liebe Jesu sind Grundlage und Ausgangspunkt unseres Weges.
Fastenzeit bedeutet, dem Leben zu trauen und das fühllos gewordene Herz für
die befreiende Kraft des Evangeliums zu öffnen.

Monsignore Wolfgang Sauer
Geistlicher Direktor des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München


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